Technik und Kunst - Wie wir nicht der Hype-Maschine verfallen

21.06.269
Autor: Minh Le
Ai und Gehirn


Technik und Kunst

 

Kunst und Technologie werden oft als Gegensätze dargestellt, aber die Realität sieht natürlich ganz anders aus. Neue Technologie bringt auch die Kunst voran – seien es neue Techniken, Werkzeuge oder gar völlig neue Kunstformen. Aber im digitalen Zeitalter, in dem neue Programme und Start-ups immer schneller auftauchen und wieder verschwinden: Wie erkennt man als Künstler oder Technik-Laie, welche davon wirklich hilfreich sind und welche nur aus Hype bestehen?

 

Ein schwieriges Thema mit keiner klaren Lösung. Hype – in diesem Kontext die Überspitzung eines Produktes in seiner Wichtigkeit oder Fähigkeit durch Werbung – ist heutzutage eine beliebte Marketing-Methode und ist in der Tech-Sphäre schwer zu erkennen, wenn man nicht besonders technikaffin ist. Als jemand, der sich sowohl in der Technik als auch in der Kunst zu Hause fühlt, kann ich zumindest meine persönliche Checkliste teilen, mit der ich versuche, neue Technologien zu analysieren und für mich zu bewerten. Diese mag auf den ersten Blick vielleicht etwas allgemein und offensichtlich erscheinen. In der Tech-Branche muss man allerdings auf etwas andere Aspekte achtgeben als bei generellen Kaufentscheidungen. Darauf werde ich im Folgenden eingehen. Meine Perspektive ist dabei vor allem die eines Künstlers, doch ich hoffe, dass meine Liste auch für andere hilfreich ist.

 

Hinweis vorab: Wenn ich im Folgendem von Kunst und Künstlern spreche, beziehe ich mich in erster Linie auf digitale Grafikkünstler (u.a. Illustratoren). Vieles lässt sich zwar auch auf andere künstlerische Bereiche wie Fotografie oder Schreiben übertragen, diese stehen jedoch nicht im Fokus. Zusätzlich muss ich leider im Folgenden auch etwas technisch werden und teilweise komplexe Technologien als Beispiele heranziehen. Ich bemühe mich, diese so verständlich wie möglich dazustellen, allerdings kann an einigen Stellen zusätzlicher Kontext gefordert sein. Deshalb findet sich im Folgenden ein kurzes Glossar zu den Themen, die ich ansprechen werde:

 

  • KI: Generative Künstliche Intelligenz - hier beziehe ich mich jedoch nur auf Systeme, die Bilder oder Texte (LLMs) generieren.
  • NFTs: Non-Fungible Tokens sind eindeutige digitale Tokens auf einer Blockchain, die Daten referenzieren oder enthalten – von einem Link, über Metadaten bis hin zu Dateien bzw. Verweisen auf diese. NFTs wurden als digitale Sammlerstücke angepriesen und bekannt, da sie durch die zugrunde liegende Blockchain-Technologie eine eindeutige Zuordnung und Besitzhistorie eines Objektes nachweisen konnten.
  • Metaverse: Ein nicht eindeutig definiertes Konzept, das die reale Welt in einem virtuellen digitalen Äquivalent abbilden oder ergänzen soll. Als Voraussetzung wird oft 3D-Umgebungen und teilweise VR benutzt, damit sich die Definition vom regulären Internet abhebt. Steht häufig in Verbindung mit Blockchain-Technologien, Kryptowährungen und NFTs, da diese für den Kauf von virtuellen Gütern oder Grundstücken genutzt werden können. Bekannte Beispiele sind Plattformen wie Decentraland und Horizon Worlds.

 

Wer spricht darüber und wie tun sie es?

 

Ein Schild auf dem "! GET THE DEAL !" steht, mit einem bunten "HYPE" Sticker an der oberen rechten Ecke und dem Text "LAUFT NICHT, RENNT!" unten drunter.

Wenn etwas neu und aufregend ist, folgt natürlich auch eine angeregte Diskussion. Das ist ein Aspekt der Menschheit, der schon seit geraumer Zeit existiert und durch Social Media nur verstärkt wird. Bei Tech-Innovationen ist das natürlich nicht anders – hier ist es jedoch oft hilfreich, genau zuzuhören und durch die Spannung hindurch zu erkennen, was eigentlich gesagt wird und wer spricht, weil das bereits viel über die Langlebigkeit des Themas aussagen kann.

 

Sind es hauptsächlich Marketing- und Finanzmenschen, die über eine neue Technologie sprechen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich eher um bloßen Hype als um tatsächliche Funktion handelt. Hier wird nämlich oft in Buzzwords kommuniziert, um Dinge gegenüber Investoren besser vermarkten zu können. Das eigentliche Produkt ist dabei häufig zweitrangig. Das Metaverse zum Beispiel, das Facebook (jetzt Meta) angepriesen hat, war voller Marketing-Buzzwords wie „der echte Raum in digitalen Welten“, „höhere Effizienz“ und „Innovation in der Kommunikation“, um Investoren zum Kauf virtuellen Landes zu bewegen. Dass viele dieser Versuche optisch eher an Spiele aus den 2000ern erinnerten, war dabei oft nebensächlich.

 

Sprechen eher Programmierer und andere technikaffine Menschen über das Produkt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es tatsächlich etwas leistet – allerdings sind auch sie nicht frei von Hype. Hier ist es wichtig, darauf zu achten, wie darüber gesprochen wird. Fallen Marketing-Buzzwords wie „Innovation“ und „Effizienz“ zu oft, ist Vorsicht geboten. Oft fallen auch Begriffe wie „unausweichlich" oder „ein Schritt in die Zukunft" – was üblicherweise als Aufruf dient, möglichst schnell möglichst viele Menschen für die Technologie zu gewinnen. Beim Krypto- und NFT-Boom 2021 meinten viele, man müsse schnell Währungen kaufen, da wir in wenigen Jahren nur noch in Krypto handeln würden und klassische Währungen der Vergangenheit angehören würden. Im Jahr 2026 hat sich das natürlich als falsch herausgestellt – deshalb sollte jede Behauptung, eine Technologie sei „unausweichlich“ mit Skepsis betrachtet werden.

 

Dann gibt es natürlich die eigentlichen Künstler oder die normalen Nutzer. Fallen auch hier zu viele Buzzwords, ist das nicht nur ein Verdacht auf Hype, sondern hat oft zur Folge, dass die echten Nutzer gar nicht ganz verstehen, was das Produkt eigentlich ist und lediglich die Aussagen anderer Parteien wiederholen. Zusätzlich ist es hier wichtig, darauf zu achten, ob es Kritik gibt und wie mit ihr umgegangen wird. Jeder ist anders und hat andere Anforderungen, deshalb sind Diskussionen über mögliche Probleme und Alternativen unter Künstlern nicht unüblich und durchaus wichtig. Wird jedoch jegliche Kritik an der neuen Technologie abgewiesen und Kritiker als uninformierte Hater oder Ähnliches abgestempelt, dann kann es sich hier erneut um Hype oder sogar um die Sunk-Cost-Fallacy handeln, bei der die Nutzer bereits zu viel in das Produkt investiert haben und nun weiter daran glauben müssen, um ihre Investition zu rechtfertigen.

 

Oft lässt sich schon an der Diskussion abschätzen, ob ein Verdacht auf Hype bestehen könnte, allerdings werden durch Social-Media-Algorithmen häufig nur die kontroversesten Auseinandersetzungen sichtbar oder sogar lediglich die Echokammer einer einzelnen Gruppe gezeigt. Das führt natürlich zu Verzerrungen (Bias) und einem Mangel an Perspektiven in der Bewertung, weshalb es oft sinnvoll ist, die nächste Frage zu stellen.

 

Wird ein wirkliches Problem gelöst?

 

Neue Technologien kommen oft mit großen Verspechen daher – meist bessere Effizienz und viel Geld – aber weniger wird überlegt, ob sie überhaupt notwendig sind. Denn Technologien, die interessante Dinge tun können, gibt es viele. Ob diese allerdings in der Realität anwendbar oder überhaupt nützlich sind, ist eine ganz andere Frage. Hype ist ein starkes Marketing-Tool und kann schnell dazu führen, dass Menschen neue Technologien übernehmen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Umso wichtiger ist es, kritisch zu bleiben und die Situation zu analysieren.

 

Die zentrale Frage ist hier natürlich: Braucht man diese Funktionen wirklich? NFTs etwa haben viel versprochen – einen Auktionsmarkt mit vielen Käufern in einem dezentralisierten System, um Werke als Unikate zu verkaufen. Ist das aber überhaupt nötig, wenn es bereits digitale Kunstauktionen gibt und ohnehin jedes Bild durch das Internet als Kopie dargestellt werden muss? Das Metaverse versprach digitale, realistische Ladenflächen, in denen Werke ausgestellt und zum Verkauf angeboten werden und Käufer sie wie in einer Galerie begutachten können. Aber wozu eigens einen 3D-Raum dafür schaffen, wenn eine normale Website diese Funktion ebenfalls erfüllt und in der Regel sogar besser aussieht? KI kann komplette Bilder generieren oder auch einzelne Prozessschritte wie die Reinzeichnung oder das Einfügen von Grundfarben übernehmen. Allerdings können viele Zeichentools und Programme die angebotenen Dinge bereits schneller, einfacher und ganz ohne Internet erledigen. Das Generieren von Bildern aus Text ist zwar tatsächlich neu – ob man die generierten Bilder als Künstler jedoch aber als eigene Werke empfindet, ist wieder eine andere Frage.

 

Hier ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten und sich nicht vom Hype mitreißen zu lassen. Hat man die Funktionen analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass diese Technologie oder das Produkt einem nicht weiterhilft, kann man an dieser Stelle oft schon aufhören. Ist man sich jedoch unsicher oder es gibt doch einige Funktionen, die potenziell hilfreich sein könnten, geht es direkt zur nächsten Frage.

 

Hält es, was es verspricht?

 

Je nachdem wie die Technologie ausgelegt ist, lässt sich dieser Punkt oft durch Ausprobieren klären, oder man kann, wenn Beispiele öffentlich zugänglich sind, diese ansehen und beurteilen. Es kann aber auch sein, dass Recherche nötig ist, um die eigentlichen Funktionen der Technologie vollständig zu verstehen. Trotz des Zeitaufwandes ist das häufig eine gute Idee, da sich viele Dinge hinter Buzzwords und Fachsprache verstecken lassen. Hat man dies getan, kann jeder für sich entscheiden, ob die Versprechen auch gehalten werden.

 

Zwei Bilder mit Katzen die eine Kaffeetasse umwerfen. Links KI generiert, rechts Illustriert.

[Vergleich: KI generiertes Bild links vs. Werbesticker mit Illustration der Autorin rechts]


Bei KI zum Beispiel ist das Ausprobieren recht einfach: Man sucht sich einen der vielen kostenlosen Generatoren und versucht, ihn in den eigenen Arbeitsprozess einzubinden. Dabei habe ich beispielsweise festgestellt, dass KI für mich komplett unbrauchbar ist, da die Ergebnisse unpräzise und schwer zu kontrollieren waren oder einfach nicht meinen Standards entsprachen. Noch dazu hat das Korrigieren – ob per Hand oder durch Verfeinerung der Prompts – oft länger gedauert, als das Bild einfach selbst zu malen. Beim Metaverse ist es ebenso einfach: mit der VR-Brille schnell in Horizon Worlds hinein oder eben einen kostenlosen Account bei Decentraland angelegt. Dabei stellt man schnell fest, dass die Produkte eher alten MMO-Spielen wie Second Life oder Habbo Hotel ähneln als der Zukunft des Internets – und dass das Navigieren in einem 3D-Bereich oft schlicht ineffizient ist.

 

NFTs sind ein Beispiel für eine Technologie, bei der etwas bis viel Recherche notwendig ist. Hier kann es helfen, Expertenmeinungen heranzuziehen, allerdings ist die Gefahr von Bias – wie im ersten Punkt erwähnt – entsprechend hoch. Leider gibt es wenig Alternativen, außer sich selbst einzulesen und hin und wieder eine zweite Meinung einzuholen. Hat man diese Recherche aber durchgeführt, merkt man schnell, dass NFTs nur ein kleiner Bestandteil der Kryptoszene sind und diese stark spekulativ ist. Nicht nur ist die potenzielle Kundschaft eine Nische der Nische der Nische, auch kann sich jeglicher Wert von heute auf morgen verflüchtigen und viele der versprochenen Funktionen sind durch die Dezentralisierung nicht immer gegeben. Diese Risiken werden oft verschleiert, indem nur von den Erfolgen berichtet wird; diese herauszufinden ist für Endnutzer und Käufer aber besonders wichtig.

 

Ist nach der Recherche das Fazit unserer leitenden Frage negativ, kann man auch hier aufhören. Oft ist eigentlich schon erkennbar, ob die Technologie bloßer Hype ist oder doch etwas mehr dahintersteckt. Ist das Ergebnis aber weniger klar und hat das Produkt doch Aspekte, die ihr Versprechen halten und nützlich für einen sind, dann geht es weiter zur abschließenden Frage:

 

Was ist der Preis?

 

Für einige mag man diese Frage eigentlich viel früher stellen, allerdings ist sie meiner Meinung nach bei Techprodukten und neuen Technologien am besten die letzte Frage. Denn erst nach Recherche und Analyse der Technologie lässt sich der tatsächliche Preis ermitteln.

 

Hier gilt grundsätzlich: Alles, was viel verspricht, aber kaum bis gar nichts kostet, sollte mit Vorsicht behandelt werden. Dass dann Nutzerdaten gesammelt werden, ist natürlich klar, allerdings besteht auch die Gefahr, dass die niedrigen Preise nicht lange bleiben. Die Strategie, erst Kunden mit günstigen Preisen zu locken und diese später deutlich zu erhöhen, ist sehr beliebt und wird besonders von Start-ups in den USA gerne genutzt. 
Auch die Nutzerzahlen sind in ihrem Wert nicht zu unterschätzen, da diese zum Beispiel im Falle von KI der Grund sind, weshalb sie überhaupt so günstig ist und überall kostenlos eingebunden wird. Denn niedrige Nutzerzahlen gehen oft mit Verlusten einher, was Investoren verunsichern kann und Unternehmen dazu zwingt, noch mehr Geld zu verbrennen. Natürlich gibt es auch viele günstige oder kostenfreie Produkte, die trotzdem keine direkten Hypefallen sind, wie etwa Clip Studio Paint für digitales Zeichnen oder Blender für 3D-Modellierung. Dennoch ist allgemein Vorsicht geboten: Wenn sich etwas zu schön anhört, um wahr zu sein, dann bleibt es oft nicht lange so oder es verbergen sich andere Kosten unter der Haube.

 

Aber nur weil ein Preis hoch ist, garantiert das noch lange kein gutes Produkt. Hier ist es wichtig, die Verbindung zum vorherigen Punkt – den tatsächlichen Leistungen – herzustellen und zu prüfen, ob diese den Preis auch rechtfertigen. Im Beispiel der NFTs und einiger Metaverse-Projekte ist der Einstiegspreis – der Kauf oder die Erstellung der NFTs selbst – oft hoch und aufgrund der instabilen Ökonomie der Kryptosphäre sehr schwankend. Und selbst, wenn man vergleichsweise günstig einsteigt, gibt es keine Garantie, dass man auch einen monetären Gegenwert erhält. Der Preis besteht hier also nicht nur aus den direkten Kosten, sondern auch aus dem Risiko von Verlusten und dem Aufwand, überhaupt einen Wert aus dem Kauf zu generieren.

 

Nicht zu vergessen ist außerdem der moralische Preis. Dieser ist zwar nicht immer direkt mit Hype verbunden, doch Themen wie Stromverbrauch, Umweltverschmutzung oder Arbeit zu Hungerlöhnen sind in der Tech-Branche zwar nicht unbedingt ungewöhnlich, können aber ein Warnsignal sein – insbesondere dann, wenn die Diskussion darüber verschwiegen, verschleiert oder kleingeredet wird. 
Auch hier ist es wichtig, die Erkenntnisse aus den vorherigen Punkten zu betrachten und zu bewerten. Denn auch leistungsstarke Hardware wie Grafikkarten oder CPUs verbrauchen viel Strom, beispielsweise beim digitalen Zeichnen – die Dimensionen unterscheiden sich jedoch deutlich von dem Energieaufwand, der teilweise für den Verkauf einzelner NFTs anfällt.

 

 

Und das wäre meine Checkliste. Nach der letzten Frage habe ich für mich oft bereits geklärt, ob es sich eher um Hype oder ein nützliches Produkt handelt, auch wenn Dinge selten eindeutig schwarz oder weiß sind. Es gibt viele Grauzonen, in denen ein Produkt zwar sinnvoll sein kann, aber beispielsweise falsch vermarket wird oder das dahinterstehende Unternehmen anderweitig fragwürdig ist. Dennoch sollten diese Fragen zumindest einen guten Überblick geben, worauf man bei neuen Technologien achten sollte, um fundierte und informierte Entscheidungen treffen zu können.


TL;DR

Hype Checkliste mit 4 Punkten





Über die Autorin:


Minh ist als ehemalige Spieleentwicklerin und studierte Medieninformatikerin an allem interessiert – ob Kunst, Geschichte, Technik oder verstörende Fakten aus der Tierwelt. Das steht nicht im Widerspruch, sondern in Harmonie, denn Kreativität ist überall nützlich, besonders in der Informatik! Dementsprechend ist sie gerne das Mädchen für alles, ob es nun Softwareentwicklung, Grafikdesign oder vielleicht auch etwas Ausgefalleneres ist. Manchmal ist das Ergebnis mit einem Elch-Po versehen, aber das muss man einfach in Kauf nehmen.